Narrative Identität

Identitäten entstehen in Erzählungen. So die narrative Deutung der Identität. In der Erzählung bestätigt sich der Erzähler. Er gibt in der Regel eine Deutung seiner oder irgendeiner Praxis. Sinngebung dieser Praxis ist ein retrospektiver Prozess. Kaum eine Handlung hat ein „Sinn an sich“. Wir geben ihr, in der Regel retrospektiv oder auch vorausschauend einen Sinn in einer Interpretation, einer Erzählung oder einer Berechnung (die letztendlich nur eine besondere Art von Erzählung ist).

Im Marketing hat man jetzt narrative Formen, etwa Storytelling, als effiziente Kommunikationsform entdeckt. Ob man es will oder nicht, transportiert man in dieser Story nicht nur die eigentliche Geschichte, sondern im Tonfall, Aufbau, Anrede etc. auch eine Art Identität. Im besten Falle geht mit dieser Identität auch eine Authentizität, ein Einverstanden-Sein mit der eigenen Identität einher.

Viele textliche Formen der Organisation, des klassischen Marketing und Qualitätsmanagements lassen sich als Narrative besonderer Art betrachten. Mission Statements, Visionen, Strategische Richtlinien, Zieldefinitionen im Qualitätsmanagement, Quartalsberichte, Unternehmens- oder Pressemitteilungen lassen sich alle unter narrativem Aspekt untersuchen. Ihre Klassifizierung als Erzählung relativiert ihren Geltungs-, Objektivitäts- oder Wahrheitsanspruch. Der Blick wird nicht nur darauf gerichtet, was erzählt wird, sondern wie und zu welchen Anlässen wer etwas erzählt. Dies ist  eine Perspektive, die interessante Einblicke in das Selbstverständnis eines Unternehmens, in seine Identität zulässt. In jedem Falle tragen alle diese Narrative zu einer Identitätsbildung der Individuen und damit auch der Organisationsform bei und sind wichtige Quellen für eine Unternehmensidentität oder Unternehmensphilosophie.

Mehr zur narrativen Identität:

Barbara Czarniawska: Narrative,Diskurse und Organisationsforschung: https://www.researchgate.net/publication/251205918_Narrative_Diskurse_und_Organisationsforschung

oder:
Claudia Fahrenwald: Narrative Methoden im Kontext praxis‑theoretischer Organisationsforschung. In: Organisation und Methode. Beiträge der Kommission Organisationspädagogik. S. 73 – 81, Wiesbaden 2016
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-13299-6_7