Ist der Volkswagen-Skandal das Ende der Corporate Social Responsibility?

Die Skeptiker, die die Idee der Corporate Social Responsibility schon lange als Marketing-Idee kritisierten oder belächelten, haben nun offenbar Recht zu bekommen. Das Prinzip der Sozial- und Umweltverantwortung ist eine schöne Idee, die aber wohl in realen Unternehmen nicht durchsetzbar ist. Zu groß ist der Unterschied zwischen dem, was die CSR-Verantwortlichen in den Unternehmen vollmundig versprechen und dem, was dort wirklich passiert.

Vollmundige Nachhaltigkeitspropaganda

Der Volkswagen-Konzern bekennt sich seit vielen Jahren zum Prinzip der Corporate Social Responsibility und hat jährlich die geforderten Nachhaltigkeitsberichte veröffentlicht. In denen gibt es vollmundige Versprechungen wie: „Wir wollen der erfolgreichste, faszinierendste und nachhaltigste Automobilhersteller der Welt sein. Dieses Ziel haben wir uns für 2018 gesetzt und manches schon erreicht.“

Volkswagen Nachhaltigkeitsberichte strotzen vor Eigenwerbung. Der von 2014 erklärt erstmal wie groß der Konzern ist, was er alles kann und welche Produkte er herstellt. Martin Winterkorn erklärt dann zum Thema: „Die   Schwerpunkte   unserer Nachhaltigkeitsziele  und  -aktivitäten,  die  wir  konzernweit  steuern,  setzen  wir  in  den  drei  Dimensionen  Wirtschaft,  Menschen, Umwelt,  nach  denen  auch  der  vorliegende  Bericht  gegliedert  ist. Darin  spiegelt  sich  unser  konzernübergreifendes  und  in  allen Regionen  der  Welt  anschlussfähiges  Nachhaltigkeitsverständnis ebenso  wider  wie  unsere  Überzeugung,  dass  ein  langfristiges, stabiles  und  an  ethischen  Maßstäben  orientiertes  Wirtschaften Voraussetzung  ist, umweltorientiert  zu  handeln  und  die  Zukunft  der  Menschen  im  Konzern  und  in  der  Gesellschaft  verantwortungsbewusst mitzugestalten.“ (S. 14 http://nachhaltigkeitsbericht2014.volkswagenag.com/sites/default/files/pdf/de/Volkswagen_Nachhaltigkeitsbericht_2014.pdf)

Mehr marketinggesteuertes Wortgeklingel geht nicht, auch wenn er hier die etwas angestaubte Triple Bottom Line (people, planet, profit) bemüht. Noch dicker kommt es in einem CSR-Image-Papier von 2013 unter dem inzwischen makabren Titel Verantwortung kennt keine Grenzen (S. 2): „Verantwortliches Handeln ist seit jeher Teil unserer Unternehmenskultur.  Wir  verstehen  gesellschaftliche Verantwortung als die Fähigkeit, unser Geschäft mit  den  langfristigen  Zielen  der  (Welt-)Gesellschaft  in  Einklang  zu  bringen.  Wer  prüfen  will, ob und  inwieweit wir diesem Anspruch gerecht werden, der schaue  zuerst  auf  unsere  Produkte,  dann  darauf,  wie  wir  beschaffen  und  produzieren,  und  drittens  auf  die  Beiträge,  mit  denen  wir  als  guter Unternehmensbürger  die  kooperativen  Strukturen in unserem sozialen Umfeld stärken und fortentwickeln.“

Eine sehr typische Verwechslung bei den Unternehmen betrifft die Unterscheidung von Ethischem und Gesetzlichem. Die meisten verwechseln das, was sie tun müssen mit dem was sie tun wollen. Mit ethischen Forderungen, also der Bereich des Wollens, für den auch die CSR-Definition der EU auch das Wort „freiwillig“ hat, können sehr viele Unternehmen nichts anfangen, ja sie verstehen nicht einmal, worum es dabei geht. Sehr typisch VW-Chef Matthias Müller im Januar in den USA. Auf die Frage des Radiosenders NPR, die suggeriert, dass es für viele Amerikaner kein technisches sondern ein ethisches Problem sei, antwortet er: „Frankly spoken, it was a technical problem … And the other question you mentioned — it was an ethical problem? I cannot understand why you say that.”

Der neuralgische Punkt heißt Unternehmenskultur

Immerhin hat Winterkorn hier den Finger in der Wunde: Die heißt Unternehmenskultur. Offenbar lügt er hier oder weiß er nicht, was in seinem Unternehmen vorgeht. Beides wäre schlimm. Man könnte eine Textsammlung mit mehreren hundert Seiten zusammenstellen, in denen VW sich als Vorbildunternehmen in Sachen Umwelt präsentiert. Ein Teil davon ist nach dem Skandal entstanden. Ein Problembewusstsein auf diesem Gebiet gibt es im Konzern offenbar bis heute nicht. Sprachregelungen, die von Uregelmäßigkeiten reden, sollen das Problem weiterhin kaschieren. Selbstherrliches Auftreten und die Beendigung der Skandaldiskussion im Konzern sind sichere Zeichen dafür, dass der Konzern nicht willens ist, Grundlegendes zu ändern. Gipfelpunkt der Selbstherrlichkeit war der Ausspruch Matthias Müllers in den USA: „We did not lie“. Das alles klingt nicht so richtig nach Schuldbewusstsein.

Ausblick: Welchen Sinn hat CSR dann noch?

Ist die Idee der CSR nun am Ende oder in der Situation die man dem Sozialismus häufig zugeschrieben hat: „Gut gemeint, aber nicht realisierbar“? Die meisten Unternehmen verwechseln CSR mit Wohltätigkeit. Man sucht sich irgendein Ausbildungs- oder Infrastrukturprojekt in Afrika oder Asien, schickt ein paar Entwicklungshelfer mit einem Budget dorthin und lässt Gutes tun. Das schafft glückliche Gesichter im Nachhaltigkeitsbericht. Das ist auch wichtig, aber an der Grundidee des CSR geht das allerdings vorbei. Sozial- und Umweltverantwortung beginnt im Unternehmen. Alle internen Strukturen wie auch die Lieferketten und die Kommunikation müssen darauf befragt werden, ob sie den Prinzipien des CSR folgen und langfristig auf nachhaltiges Wirtschaften umgestaltet werden. In der Regel haben CSR-Verantwortliche kein Mitspracherecht für das Kerngeschäft. Vielleicht hat Wayne Visser Recht, wenn er erklärt, das CSR (1.0) gescheitert ist. Sein CSR 2.0 soll skalierbarer, kreativer und vor allem zirkular sein. Zirkulares Herangehen, das man aus vielen Teilen der Wirtschaft kennt, heißt für die CSR, dass es nach jeder Konzeption und Aktion ein Reporting gib, das in neue Konzeptionen und Aktionen einfließt und so eine sich selbst optimierende Spirale entsteht. Und gerade das Reporting ist der neuralgische Punkt. Hier muss es möglich sein, auch kritische, unangenehme Tatbestände auszuwerten und nicht nur die schönen Resultate zu vermelden.  Darüber hinaus wäre es gut, wenn die Botschaft des Skandals in der Autoindustrie angekommen ist: Wer CSR ernst nimmt, kann Milliarden sparen. Eine hoffnungsvollere Zukunft der Menschheit gibt’s vielleicht als Sahnehäubchen obendrauf.

Link:
Beitrag von Wayne Visser zu CSR 2.0

 

Investorenlegende George Soros spricht über Reflexivität der Sozialwissenschaften

Was sich im ersten Teil Moment als eine etwas banale Einführung in das Denken seines Lehrers Karl Raimund Popper aussieht, entpuppt sich als ein elegantes und durchdachtes Plädoyer für die Eigenständigkeit der Sozial- gegen die Naturwissenschaften. Erstere sind, so Soros, reflexiv. Sie reflektieren nicht nur soziale Verhältnisse sondern schaffen sie. Alle großen Theorien (Marx, Keynes und viele andere) haben die Verhältnisse, mit denen sie sich beschäftigten nicht nur studiert, sondern darauf Einfluss genommen. In diesem Zusammenhang spricht sich Soros ausdrücklich für eine aktive Rolle der Sozialwissenschaften aus. Das heißt, das Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sich ihrer Rolle als Gestalter bewusst werden müssen und nicht in freiwilliger akademischer Selbstbeschränkung auf Nachvollzug der Wirklichkeit verharren sollten. Schon ein bisschen älter, aber immer noch sehens- und lesenswert.

Links:
Der Vortrag als Video (die ersten Teile kann man weglassen)
Der Vortrag als Text

Agile Ontologien: Schöne neue Welten

Ontologie ist die Lehre vom Sein. Während es in der Philosophie darum geht, die einzige Lehre vom wahren Sein zu konstruieren, haben Informatiker keine Probleme damit, von Ontologien zu reden. Je nach Anlass wird geradezu aus dem Ärmel eine neue Ontologie konstruiert. Da eine Ontologie das Sein selbst nur mittelbar betrifft und vor allem auf unsere Begriffswelt über etwas Seiendes rekurriert, ist das auch völlig unkompliziert. Man darf sich aus dem so genannten Sein sogar etwas aussuchen, eine Welt von Produkten oder Orten, Zeiten und Personen. Aus der Perspektive eines Ökonomen ist ein Sein, das aus Waren, Preisen, Käufen und Transaktionen besteht, eine besonders schöne, wenngleich auch nicht mehr ganz neue Welt. Continue reading

3. Rituale im Unternehmen nutzen

Die alten Inder haben die Rituale sinnvoll in zyklische (nitya), die nach einem vorgegebenen Zeitplan durchgeführt werden, gelegentliche (naimittika), die zu bestimmten Ereignissen zelebriert werden und Wunsch-Rituale (kamya), die auf speziellen Wunsch eines Mitglieds der Gemeinschaft stattfinden, unterteilt. Dies entspricht im Groben dem Vorkommen von Ritualen im Unternehmen. Zyklische Rituale wären hier etwa das Sommerfest, die Weihnachtsfeier oder die Bilanzpressekonferenz. Rituale zu speziellen Gelegenheiten könnten Amtseinführungen, Beförderungen oder Verabschiedung in den Ruhestand sein. Sie sind im Wesentlichen Übergangs-Rituale, die den Wechsel von einem Status zum anderen zelebrieren. Ein „Wunschritual“ im Unternehmen wäre etwa die „runde“ Geburtstagsfeier eines Mitarbeiters oder die Feier einer neuen Vater- oder Mutterschaft.

– Kann man solche Rituale in der Unternehmenskommunikation gezielt einsetzen? Kann man ihre Bedeutung verändern? – Talentierte Unternehmensführer kennen die Rituale in ihrem Bereich und setzten sie bewusst als Führungsinstrument ein. Dies setzt jedoch voraus, dass sie ein, zumindest intuitives, Verständnis der „Rituallogik“ haben. Man kann vorhandene Rituale nur nutzen, wenn man die Werte, die sie symbolisieren, kennt oder zumindest ein Gefühl dafür hat. Diese sind fest in der Unternehmenskultur und Unternehmensphilosophie verwurzelt. Neue Rituale zu erfinden kann manchmal einfacher sein als vorhandene zu modifizieren. Doch es läuft alles auf die Frage hinaus: Welche Elemente der Unternehmenskultur will ich bestärken? Welchen Werten oder Visionen soll das Ritual dienen? Wie muss ein solches Ritual aussehen, damit es allgemein akzeptiert wird?

1. Rituale sind allgegenwärtig

2. Rituale sind kommunikative Handlungen

3. Rituale im Unternehmen nutzen

2. Rituale sind kommunikative Handlungen

Rituale kommunizieren Absichten, Werte, Ideen und Entschlüsse. Welche genau, kann man zumeist nur aus dem Kommunikations-Kontext entscheiden. Die „Botschaften“ von Ritualen sind relativ stabil. Häufig sind es nicht die, die das Ritual oder die Ritualteilnehmer zu transportieren vorgeben. Gleiche Handlungen teilen häufig gleiche oder ähnliche Sacherhalte mit. Sie tun dies in einem Rahmen, in dem die Botschaft verstanden wird, auch wenn sie nicht jeder Beteiligte verbalisieren kann. Sind nun alle Rituale ein archaischer Ballast, den man baldmöglichst ablegen sollte, um gezielt und sachdienlich zu kommunizieren? – Sicherlich könnte man das tun. Aber was hätte man damit erreicht? Rituale sind seit ihrem Entstehen dazu geeignet, Kommunikations-Stereotypen festzulegen und damit dem Einzelnen Sicherheit zu geben, seine Einheit mit der Gruppe fühlbar werden zu lassen. Rituale bestärken die Einheit einer Gruppe, auch gegen „außen“, gegen die Anderen. Sie geben Sicherheit, schaffen Identität und bestärken innere Hierarchien. Schaut man sich so manche vermeintlich „sachliche Kommunikation“ an, dann wird man feststellen, dass sie von zahlreichen, zumindest sprachlichen Ritualen durchsetzt ist. Thomas S. Kuhn hat in seiner „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gezeigt, dass sich selbst die strengsten Theorien und ihre wissenschaftliche Paradigmen auf eine Anhängerschaft, eine Wissenschaftler-Gemeinschaft hin definieren. Und Gemeinschaften kommen ohne Rituale nicht aus; sie brauchen sie zur Bestärkung ihrer Einheit.

1. Rituale sind allgegenwärtig

2. Rituale sind kommunikative Handlungen

3. Rituale im Unternehmen nutzen

1. Rituale sind allgegenwärtig

Wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt tun wir täglich Dinge, die wir aus praktischen Gründen kaum erklären könnten. Wir heben den Arm zum Gruß, wenn wir einen Bekannten sehen, schlagen die Hände mit Teamkollegen zusammen, wenn wir gewonnen haben oder fragen stereotyp „Hallo! Wie geht’s?“ wenn wir jemanden treffen. Wie rätselhaft diese Handlungen sind, fällt uns erst auf, wenn wir ähnliche Umgangsformen in einer anderen Kultur beobachten: Eine japanische Teezeremonie, ein indisches Morgenopfer oder ein Haitianischer Voodoo-Tanz funktioniert nach einer Logik, zu der wir keinen Zugang haben. Fremden wiederum muss es obskur muss es erscheinen, wenn sie bei uns Kinder mit einer großen Papptüte voller Süßigeiten sehen oder einen Pfarrer der das Abendmahl zelebriert. Mitunter ist der Anblick fremder Rituale so suggestiv, dass man ihn bewusst imitiert. In Indien mag man als Begrüßungszeremonie immer mehr das westliche Händeschütteln, shake hands, anstatt der dort üblichen kleinen Verbeugung mit vor der Brust zusammengelegten Händen und dem „Verehrung Dir“, namaste. Aber ob fremd oder eigen: Wir folgen bereitwillig Handlungsstereotypen, deren ursprünglicher Sinn uns nicht mehr verständlich ist: Niemand denkt heute beim Händeschütteln mehr and dessen ursprünglichen Sinn, dem anderen als Zeichen seiner friedfertigen Absichten die „leere Waffenhand“ zu präsentieren.

Sind Rituale deshalb heute funktionslos? – Ja und Nein. Sie sind in dem Sinne funktionslos, dass sie nicht auf eine bestimmte Funktion festgelegt sind. Das gleiche Ritual kann in unterschiedlichen historischen Perioden und verschiedenen Kontexten unterschiedliche Funktionen innehaben. Es ist also von seiner Funktion, zumindest abstraktiv, loslösbar. Im Alltag sind Rituale jedoch immer mit Funktionen verknüpft. Sonst würde sie keiner durchführen. Die Art dieser Verknüpfung unterliegt jedoch nicht dem menschlichen Belieben. Sie folgt der Logik der Traditionsentwicklung. Wandelnde Werte und Vorstellungen bringen es mit sich, dass sich die Bedeutung der Handlungen, die sie ausdrücken wandelt.

1. Rituale sind allgegenwärtig

2. Rituale sind kommunikative Handlungen

3. Rituale im Unternehmen nutzen

 

Unternehmen und Kultur

These 2: Jedes Unternehmen hat eine Kultur und jedes Unternehmen ist eine Kultur. Deren Inhalt und Kontext ist wichtiger Gegenstand der Unternehmensphilosophie. Letztere ist sowohl Reflexion über die Unternehmenskultur als auch Bestandteil dieser.

Dass ein Unternehmen eine Kultur hat und eine Kultur ist, hängt mit der Selbstbezüglichkeit, Reflexivität von Überlegungen über Philosophie und Kultur zusammen. Man kann nicht über Kultur nachdenken ohne Kultur zu machen. Gleichermaßen ist Nachdenken über Philosophie in der Regel selbst Philosophie. Haben und Sein sind also, was die Kultur und die Philosophie betrifft, grob gesagt, das Gleiche.

Dass es in einem Unternehmen notwendig eine Kultur gibt, wie auch immer sie geartet sein mag, hängt damit zusammen, dass dort Menschen kooperieren, die eine bestimmte Kultur mitbringen und in der Kooperation ausprägen und modifizieren. Diese Kultur ist über zahlreiche Verbindungen eng mit der Gesellschaft, dem Umfeld, in dem sich das Unternehmen befindet vernetzt. Je nach Produkt oder Dienstleistung kann das Unternehmen auch eine ausgeprägte Branchen-Kultur und Produkt-Tradition besitzen.

Die Kultur eines Unternehmens wird in besonderer Weise, bewusst oder unbewusst, durch seine Führungskräfte geprägt. Sie schafften in der Regel die Kooperations- und Kommunikationsstrukturen und bestimmen deren Milieu. Doch lässt sich Unternehmenskultur nicht auf Unternehmerkultur reduzieren. Sie wird, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaße, durch alle an der Tätigkeit des Unternehmens Beteiligten geprägt.

Jede Kultur enthält Annahmen von philosophischer Relevanz, Annahmen, die über das unmittelbar empirische oder betriebswirtschaftliche Gebiet hinausgehen.

Diese Annahmen werden bisweilen auch philosophisch reflektiert. Unternehmensphilosophie ist die Reflexion über Annahmen und Werten der Unternehmenskultur, die über eine philosophische Dimension oder Bedeutsamkeit verfügen. Sie kann methodisch über diese nachdenken oder versuchen, beispielsweise auf ihre ethischen Konsequenzen oder das allgemeine Selbstverständnis des Unternehmens, Einfluss zu nehmen.

Fokus Unternehmensphilosophie

These 1: In den nächsten Jahren wird sich der Fokus der Management-Tätigkeit von Technologie und Controlling zur Philosophie verlagern.

Die wohl am meisten kontroverse These ist diejenige, die kaum eines Beweises bedarf. Fast alle Erfolgsgeschichten der letzten Jahre sind begleitet von Marketing-Konzepten mit einem deutlich philosophischen oder quasiphilosophischen Anspruch.

Einer der spektakulärsten Fälle in dieser Hinsicht ist die Unternehmensphilosophie von Apple: das Unternehmen hat es geschafft, alle existierenden Vorstellungen von kultureller Akzeptanz technischer Produkte über den Haufen zu werfen, indem es klassische betriebswirtschaftliche Disziplinen bewusst missachtet hat.

An der Spitze dieser Vorstellungen steht die Suggestion des Angebotes nichttechnischer Werte. Steve Jobs: „We did iTunes because we all love music.“ – Kein Versprechen, die gleiche Musik billiger oder besser zu verkaufen. Liebe. Die gleiche Verführung wie der klassische I-love-you–Virus. Der richtete schätzungsweise 10 Milliarden Dollar Schaden an. Der Gewinn der Liebesbotschaft bei Apple dürfte höher ausgefallen sein. Es zielt auf Identifikation des Kunden mit den Apple-Mitarbeitern und ihren Kunden, die von den Kunden gern angenommen wird.

Nicht die Technik der radikalen Vereinfachung der Benutzerführung der Geräte, sondern die Philosophie macht den Unterschied: Steve Jobs ist sich sicher, dass seine Marketing-Philosophie, in einer Art religiöser Botschaften die Kunden zu einer Art Alleinglauben und freiwilligen Unterwerfung veranlassen, einzigartig ist. Umformuliert könnten sie heißen: „Du sollst keinen Musikverkäufer haben neben mir.“ Oder allgemeiner: „Apple kümmert sich um alles, was du für den Computer brauchst. Vergiss den Rest.“ Von der Einmaligkeit einer solchen Botschaft überzeugt, hält er es für überflüssig, „normale“ Marktforschung zu betreiben. Die Vermutung liegt nahe, dass eine solche Philosophie innerhalb einer Branche nur einmal funktioniert.

Schlagende Beispiele dafür, dass Unternehmenskultur und –philosophie relativ stabile, nicht nach dem Willen der Unternehmensführung veränderbare Größen sind, gibt es in der Autobranche. Weder Daimler-Benz konnte die Marke Chrysler noch BMW die Marke Rover nach eigenen Vorstellungen zum Funktionieren bringen.

Der Trend, Social Media in die Unternehmenskommunikation einzubeziehen, greift tief in das philosophische und kulturelle Selbstverständnis von Unternehmen ein. Der Marketing-Bereich war dort früher ein gut finanzierter, „cleaner“ Bereich, in dem man unbefleckt von Kundenkritiken oder unbequemen Mitarbeiter-Statements entwickelte synthetische Werbebotschaften in die Welt aussenden konnte. Die auf Facebook präsenten Unternehmen sind nun mehr und mehr gezwungen, sich mit dem Unternehmensumfeld auseinanderzusetzen: eine Situation, in der die herkömmliche Werbestrategie früher oder später nicht mehr funktionieren wird. Marketing und Kommunikation als auf das Unternehmen „aufgesetzte“ Strukturen, die das Umfeld weitgehend ignorieren können, werden immer stärker an Einfluss verlieren.

In der Kommunikation werden die Unternehmen den gleichen Weg beschreiten müssen, den sie größtenteils in der EDV hinter sich haben: Vielen Unternehmern hat es anfangs Schwierigkeiten bereitet, ihren Betrieb nicht mehr als in sich abgeschlossenes System zu sehen. Doch jeder der heute effizient wirtschaften will, muss sein System nach außen öffnen, um mit Daten kommunizieren zu können, um Supply Chain Management-Systeme, virtuelle Marktplätze, Verkaufsplattformen oder elektronische Kundenbetreuungssysteme zu nutzen. Auch die Unternehmenskommunikation wird sich früher oder später als offenes System profilieren müssen. Es gibt also kein streng geteiltes Innen und Außen mehr. Wenn das so ist, gibt es nur eine Lösung für das Unternehmen: Es muss, auch in der Kommunikation, authentisch werden. – Ein Kernthema der Unternehmensphilosophie.

 

Links:

Unternehmerportal.de: Unternehmenskultur macht den Unterschied

CNNMoney: Jobs spricht über seine Unternehmensphilosophie

Thesen zur Unternehmensphilosophie

These 1: In den nächsten Jahren wird sich der Fokus der Management-Tätigkeit von Technologie und Controlling zur Philosophie verlagern. [Kommentar]

These 2: Jedes Unternehmen hat eine Kultur und jedes Unternehmen ist eine Kultur. Deren Inhalt und Kontext ist wichtiger Gegenstand der Unternehmensphilosophie. Letztere ist sowohl Reflexion über die Unternehmenskultur als auch Bestandteil dieser. [Kommentar]

These 3: Unternehmensphilosophie wie auch Unternehmenskultur stehen mit der wirtschaftlichen Tätigkeit eines Unternehmens in Zusammenhang, lassen sich jedoch nicht vollständig aus dieser erklären. Sie stehen im Kontext der regionalen und Weltkulturen, kommunizieren mit diesen, verfügen jedoch auch über Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit.

These 4: Unternehmenskultur und mit ihr Unternehmensphilosophie sind keine willkürliche geistige Konstrukte sondern wurzeln in der Struktur des Unternehmens, in seiner Relation zur Umwelt, in seinen historisch entstandenen Werten, Ritualen, Annahmen und Visionen. Die jeweils spezifische Unternehmenskultur entsteht durch das Zusammenspiel von internen Werten, Symbolen/Ritualen und mit externen Faktoren wie Kulturmultiplikatoren und das kulturelle, wirtschaftliche und soziale Umfeld. [Kommentar: Rituale im Unternehmen]

These 5: Unternehmensphilosophie ist sowohl reflexiv, deskriptiv als auch präskriptiv. Ihr Ziel ist nicht, Unternehmensharmonie zu schaffen, sondern Identität. Eine gefestigte Selbstidentität ist, ähnlich wie beim Individuum, ein Resilienzfaktor, der dem Unternehmen ermöglicht, angemessen auf innere und äußere Herausforderungen zu reagieren.

These 6: Unternehmensphilosophie ist keine „instrumentelle Vernunft“. Sie lässt sich nicht ohne Weiteres als Mittel zur Erreichung vorgegebener Ziele einsetzen. Da sie die Identität des Unternehmens reflektiert oder sogar bestätigt und erschafft, gehören diese Ziele selbst zu ihrem Gegenstand.

These 7: Unternehmensphilosophie ist keine „Philosophie des Genitivs“. Sie ist Philosophie im relevanten Sinne, denn sie untersucht Instanzen des Selbsterschaffungsprozesses der Menschen.

These 8: Da ein grundlegendes Element der Funktion eines Unternehmens das Verhalten von Menschen ist, genießt die Art und Weise dieser Interaktion, ihre Rituale, Hierarchien und  Werte die besondere Aufmerksamkeit philosophischer Reflexion.

These 9: Ein wichtiger Gegenstand der Unternehmensphilosophie ist die Relation Unternehmen-Zeit. Unternehmensphilosophie untersucht philosophische Elemente der Unternehmenskultur in den drei Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft als Kulturgeschichte, -gegenwart und Vision.

These 10: Das formulierte Unternehmensleitbild, in vielen Fällen eher eine romantisierte Version des Unternehmensselbstbildes, ist Gegenstand der Unternehmensphilosophie, nicht ihr Resultat.

 

Lars Göhler

Unternehmensphilosophie

Haben Sie schon einmal angestrengt in Ihrer Erinnerung nach einem Namen, einem Ort oder einer Idee gesucht? Gefunden haben Sie sicherlich erst, als Sie nicht mehr gesucht haben.
Viele Unternehmen versuchen mit allen Mitteln, ihr Ergebnis zu maximieren. Das ist ein mühevoller Prozess und er gelingt nicht immer. Häufig ist dieses Streben eindimensional, nur auf einen Punkt gerichtet. Ein Wechsel der Perspektive kann hier helfen.

Sich zurücklehnen und über die entfernteren Bedingungen geschäftlichen Erfolgs in Ruhe nachdenken, das Unternehmen “von außen” nach anderen Kriterien betrachten, führt bisweilen sicherer zum Ziel. Dabei schweifen die Gedanken in das weitere Umfeld: Vielleicht sind die Geschichte, die Kultur oder auch die Visionen, die sich mit dem Unternehmen verbunden haben von Bedeutung. Unternehmensphilosophie ist Teil der Unternehmenskultur. Sie führt uns vor Augen, dass die Menschen, Unternehmensleitung und Mitarbeiter, keine “Geldmaschinen” sondern Individuen mit komplexen Reaktionen sind. Sie führt uns auch vor Augen, dass sich nicht alle Ziele eines Unternehmens in Zahlen ausdrücken lassen. Diese Tatsache sollten Sie nutzen und sich deren Werte, Beweggründe und Ideale bewusst werden.

Wenn Sie professionelle Hilfe brauchen, die Werte, Visionen und kulturellen Eigenheiten Ihres Unternehmens aufzuspüren oder neu zu definieren, wenden Sie sich an corporate-philosophy.de. Sie bekommen Philosophen mit exzellenten akademischen Abschlüssen, die es gewohnt sind, versteckte Motivationen, Potentiale und Ideale Ihres Unternehmens sichtbar zu machen.